Kurzgeschichte Erzählung Alltag
Kurzgeschichten Prosa Lyrik ernst - Kurzgeschichte Erzählung Alltag
Wednesday, 06 May 2009 09:42
Besondere Gefühle (2006)
„Sag’ mal Karolin…..“. Ich zucke innerlich zusammen und lasse ein gedehntes "Jaa?" vernehmen. Fast in einem Dämmerschlaf versunken, hat mich diese Stimme wie aus weiter Ferne überrascht.Ich sitze hinter dem Steuer unseres Firmenwagens, habe die Verantwortung für den reibungslosen Heimtransport meines Kollegen und zweier Silicon Graphics Workstations im Kofferraum nebst Zubehör. Ein schlechtes Gewissen macht sich in mir breit - zugegeben, es ist beinah 22 Uhr.
Der junge Mann auf dem Beifahrersitz legt endlich sein Lieblingsspielzeug, ein nagelneues Nokia-Handy, beiseite. Er fixiert mich - intensiv und mit einer aufgesetzten Dreistigkeit, die gar nicht zu ihm passt - ich kann es spüren, auch wenn ich stur geradeaus blicke und versuche, die Fahrbahnmarkierungen auch in 100m Entfernung noch zu erkennen. Ich habe mich schon öfter gefragt, ob ich vielleicht nachtblind bin… Besser „nachtblind“ als „betriebsblind“ - und schon verharren meine Gedanken wieder bei dem heutigen stundenlangen Firmen-Meeting.
„Karolin“ – seine Stimme bekommt einen eigenartigen Tonfall, ich gehe in Alarmbereitschaft – „kann es sein, dass Du irgendwelche besonderen Gefühle für mich hegst?“ Meine Mundwinkel zucken, die Hände krallen sich ans Lenkrad – hoffentlich kriege ich jetzt die Kurve in einem „schönen Bogen“… Ich weiß nicht recht, ob ich in Gelächter oder Geheule ausbrechen soll. Spontan greife ich zu meinem altbewährten Mittel – dem Sarkasmus: „Udo, mein Herzchen, wenn Du mir damit andeuten willst, dass ich an der nächsten Raststätte rausfahren soll, damit wir uns ein Zimmer im Motel nehmen, dann mußt Du nicht erst schöngeistig um den heißen Brei drumherumreden!“
Eins zu Null für mich – Udo hüllt sich in Schweigen, zumindest für die nächsten 60 Sekunden. Dennoch bin ich beunruhigt, wieso stellt er diese Frage? Habe ich mir etwas anmerken lassen? Schließlich ist Udo ein Meister im Interpretieren von Körpersprache, möglicherweise ein Ergebnis von 3 Semestern Psychologiestudium, bevor er auf Wirtschaftsinformatik umgeschwenkt ist. Ich erinnere mich an unsere gemeinsame Lieblingsbeschäftigung in langweiligen Besprechungen, bei der wir in stillem Einvernehmen die unterbewußten Körperreaktionen der Gesprächsteilnehmer analysieren und dem anderen unsere jeweiligen Erkenntnisse durch bedeutungsvolle Blicke signalisieren. Die Arbeitssitzung heute morgen ist allerdings nicht so glimpflich für Udo verlaufen….
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